Eine aufregende Heimreise

~ 6 min.

Ein Monat ist schon wieder vergangen. Die Zeit vergeht viel zu schnell. Aber es gibt halt einfach viel zu tun. Trotzdem möchte ich es dir nicht vorenthalten, wie ich denn jetzt wieder in Österreich gelandet bin. So einfach war das nämlich gar nicht.

Aktuelles Nervositätslevel: 0/4

Beim Schreiben des letzten Blogartikels (das war am 18. März) war ich noch ziemlich entspannt. Da konnte ich auch noch nicht ahnen, dass mich mein bereits gebuchter Flug (Accra – Lissabon – München) nicht in München abliefern wird. Am Vormittag des 19. März hab ich nämlich eine liebevolle Mail meines Reiseveranstalters bekommen:

Sehr geehrter Herr Unterholzer,
soeben hat uns die Fluggesellschaft informiert, dass die Flugzeiten bzw. Flugnummern zu Ihrer Buchung unter der Reservierungsnummer XYZ geändert wurden. Auf www.billigflug.de erhalten Sie schnell alle wichtigen Informationen in Echtzeit.

billigflug.de

Aktuelles Nervositätslevel: 1/4

Bei so einer Nachricht wird einem drei Tage vor der Abreise ein bisschen Unwohl. Online mal nachgesehen und was stelle ich fest? Nix. Das System ist heillos überlastet. Gleiches natürlich auch bei der Airline direkt.

“Gut”, dachte ich mir, warte ich halt noch ein bisschen. Gleichzeitig macht sich natürlich unterschwellige Nervosität breit, da ich wusste, dass ich eigentlich an diesem Tag aus Guabuliga abreisen musste, weil:

  • TroTro von WaleWale nach Tamale (19. März, abends, 2 Stunden)
  • Übernachtung in Tamale
  • Bus von Tamale nach Accra (20. März, 12 Stunden, Abfahrt immer um 7:00 Uhr)
  • Übernachtung in Accra
  • Abflug Accra (21. März, 22:45 Uhr)

Natürlich wäre auch eine Abfahrt in Tamale am 21. März noch machbar gewesen, aber da ich mittlerweile weiß, wie verlässlich Transportmittel in Ghana sind, wollte ich für meine Heimreise nicht so hoch pokern.

Während der Büroarbeit hab ich dann immer wieder ein Auge auf das Online-System geworfen, dieses wollte mir aber partout keine validen Antworten geben. Zu Mittag dann ein telefonischer Versuch. Nach zehn Minuten Warteschleife wusste ich: “Sinnlos”.

Irgendwann am Nachmittag hat sich das Buchungssystem dann doch durchgerungen mir zu übermitteln, dass der Flug gestrichen sei. Das war es dann aber auch schon. Kein Anzeichen, dass irgendwie eine Alternative zur Verfügung gestellt würde. Außerdem wurde auch nicht angegeben, warum der Flug gestrichen wurde. Danke für nix.

Aktuelles Nervositätslevel: 2/4

An dem Punkt war ich dann tatsächlich etwas nervös, die Büroarbeit musste liegen bleiben, und ich hab mich im Compound verschanzt, um einen neuen Flug zu buchen. Nebenbei (und auch die Tage zuvor) haben mich Verwandte und Familie per WhatsApp tyrannisiert (Fragen, Flug- und sonstige Hilfsangebote, sich breitmachende Verzweiflung), dass ich beinahe wahnsinnig geworden wäre. Dies trug natürlich nicht gerade zu einer Verringerung des Adrenalinspiegels in meinem Blutkreislauf bei.

Aktuelles Nervositätslevel: 3/4

Hier ein kleiner, gut gemeinter Hinweis für Eltern, Familie, Partner*innen, die sich in der Situation wiederfinden, dass eine nahestehende Person irgendwo festsitzt: Die Person hat schon genug Stress. Daueranrufe und das siebzehnte Hilfsangebot in Folge verringern die Lebenserwartung der, in der Scheiße steckenden, Person um mindestens 4 Jahre (hab ich in einer Studie gelesen). Und wenn ihr mir das nicht glauben wollt: Für jede, in einer solchen Situation, versendete WhatsApp Nachricht UND jeden Anruf, stirbt irgendwo auf der Welt ein Hundebaby! Das wollt ihr doch nicht, oder?

Weil eh alles so lustig war, ist dann natürlich, ganz im Ghana-Style, noch für eine Stunde das Telefonnetz ausgefallen. Flugbuchung natürlich unmöglich, da man immer mit Kreditkarte zahlen muss und die Besätigungs-PIN per SMS versendet wird. Yeah!

Aktuelles Nervositätslevel: 5/4

Ich weiß, ich kann jetzt so viel Dramaturgie aufbauen, wie ich will, du weißt ja, dass ich bereits in Österreich sitze und dass alles gut gegangen ist. Darum kurz und bündig: Mein zweiter gebuchter Flug hob nahezu zur selben Zeit ab wie der erste. Allerdings war die geflogene Strecke schon mehr als dämlich (Accra – Amsterdam – Paris – München). Was soll man sagen, das Angebot an Flügen war nicht ausgesprochen hoch. Außerdem hätte ein “vernünftiger” Flug, ohne unnötige Zwischenstopps, gleich mal 1500 € aufwärts gekostet. Da schluckt man schon ein bisschen. Naja, mein Flug hat dann 784 € gekostet, das war verkraftbar.

Abfahrt nach Tamale

Nach einer, leider sehr kurzen, Verabschiedungsrunde, ging es dann mit dem TroTro nach Tamale. Ich hab dir ja schon einmal erzählt, dass in TroTros echt viel Platz hat, aber diese Fahrt hat wieder neue Erkenntnisse gebracht. Zusätzlich zu den, in diesem Fall, 24 Fahrgästen (man kann auch zwei Stunden im Fahrzeug stehen, kein Problem) inklusive Gepäck (zur Erinnerung, das sind noch immer 12-Sitzer Busse!), kam nämlich noch ein Schaf, welches mit zusammengebundenen Füßen einfach unter die Sitze reingeschoben wurde. Die Beschwerde eines Fahrgastes ganz hinten, dass er jetzt seine Füße nicht mehr bewegen konnte, verpuffte einfach in der trockenen Nachmittagsluft.

Nach zwei Stunden Fahrt und mehreren “Mähs”, die zwischen unseren Füßen hervortraten, quartierte ich mich dann im Haus von Abdul, dem Geschäftsführer von BRAVEAURORA in Ghana, ein. Hier auch einmal ein großes Dankeschön an Abdul, der Cornelia und mich immer in seinem Heim willkommen geheißen hat. Und das sogar dann, wenn er selbst nicht einmal zu Hause war!

12 Stunden im Bus

Früh morgens machte ich mich dann, in Begleitung von Abduls Bruder Salim, auf den Weg zur STC Busstation. Der ist auf dem Weg dorthin mit seinem Roller im “Gatsch” hängengeblieben, weil es in der Nacht fürchterlich geregnet hatte (übrigens der einzige Regen, den ich in Ghana in zwei Monaten habe). So stark, dass ich in Abduls Haus sogar einen Eimer aufstellen musste, weil das Wasser den Weg bis in die Innenräume fand.

Nach dem Wiegen und Einchecken des Gepäcks am nächsten Morgen ging es dann, mit 30 Minuten Verspätung, in Richtung Accra. Bis dahin wusste ich noch nicht, wie beruhigend es sein kann, einfach mal sieben Stunden am Stück aus dem Fenster zu schauen, und die Landschaft zu genießen. Bei einer Fahrt vom Norden in den Süden Ghanas ist das gleich doppelt interessant, da man auch den krassen Unterschied zwischen dem trockenen Norden und dem grünen Süden beobachten kann.

Die Nacht verbrachte ich dann bei Abdul-Rauf, einem befreundeten Architekten, der maßgeblich an der Erstellung des Markts in Guabuliga (hier, hier und hier) beteiligt war. Da für seine eigene Website eh mal eine Überarbeitung nötig war, haben wir den ganzen Samstag noch gemeinsam damit verbracht, eine neue aufzusetzen. Das Ergebnis kannst du hier sehen.

Abdul-Rauf und ich
Abdul-Rauf und ich beim Futtern
Jollof-Rice, typisch Ghanaisch 🙂

Kotoka Airport

Am Flughafen war die Hölle los, irgendwie wollten scheinbar ganz viele Menschen ausreisen. Eine obligatorische Temperaturkontrolle beim Einlass, Masken tragendes Personal und ständige Durchsagen, dass sich Einreisende sofort in Quarantäne begeben müssen, stimmten mich zuversichtlich, dass die Warnungen ernst genommen werden. Nicht ganz verstanden habe ich lediglich zwei “Sulimingas”, pardon, im Süden heißt das “Abrunis”, die gerade dick bepackt den Flughafen verlassen haben. Ich möchte mal bezweifeln, dass es die beste Idee war, in einer so ungewissen Zeit wie jetzt, einzureisen.

Mit einer Stunde Verspätung ging es dann ab nach Amsterdam. Durch die Verspätung war der Anschlusslug natürlich pas­sé, die Umbuchung auf den nächstmöglichen Flug (gleiche Airline, gleiche Strecke, eine Stunde später, ich war verwundert, froh und entsetzt zu gleich) war absolut kein Problem.

Surreal war die Situation aber allemal. Nahezu menschenleere europäische Flughäfen, überall Corona-Durchsagen in Dauerschleife und ein auf Abstand bedachtes Passagierkonglomerat. Keine Spur mehr von ghanaischer Freundlichkeit und sozialer Wärme. Schön wieder daheim zu sein?

Zweimal wurde ich übrigens gefragt, wohin mich denn mein Weg führte. In Amsterdam (dieser Beamte schien froh zu sein, dass mein Ziel außerhalb der Niederlande lag) und in München (der wollte sogar mein Zugticket nach Österreich sehen, dass ich ja bloß nicht in Deutschland bleibe).

Auch der Bahnhof in München am Flughafen war wie ausgestorben, vom Bahnpersonal wurde jeder auf den nächsten, für ihn passenden Zug hingewiesen. Die Lautsprecher faselten etwas von “Bestrafung”, sollte man widerrrechtlich mit den Öffis unterwegs sein. Da kommt einem die Heimreise plötzlich vor, wie etwas, was man eigentlich nicht machen sollte.

Von der Heimat trennten mich jetzt noch vier Regionalzüge und drei Stunden Zugfahrt. Ja, ein Schienenersatzverkehr (SEV) war auch dabei (senk ju vor träwelling wis Deutsche Bahn), aber sowas bin ich ja mittlerweile eh gewohnt, wenn die DB mein “Reiseveranstalter” ist. Auch die Züge waren gespenstisch leer. Im 50er-Bus des SEVs waren wir nur noch zu zweit.

Die Grenze!

In Passau hab ich mich natürlich schon auf eine Diskussion mit den Beamten eingestellt, da ich ja wusste, dass die Grenze grundsätzlich geschlossen war. Da aber die Beamten, als ich den Bahnsteig wechselte, gerade gemütlich aus dem Bahnhof marschierten, konnte ich ungehindert in den Zug nach Schärding einsteigen. Von “Grenz-” und “Kontrolle” keine Spur.

Der Empfang zu Hause war natürlich sehr herzlich und alle (inklusive mir) waren erleichtert, dass die Heimreise dann doch noch hingehauen hat. Außerdem gab’s Rotweinkuchen, was soll da noch schief gehen? (Danke Mama!)

Fun Fact

Genau einen Tag nach meiner Ankunft zu Hause wurde der Kotoka Flughafen in Accra komplett zugedreht, keiner konnte mehr rein und raus. Glück muss ma’ scheinbar auch ein bisserl haben 🙂

Was machst du jetzt eigentlich?

Ich hab ja schon mal gesagt, dass ich das Wort “fad” nicht kenne, darum hier noch eine kurze Auflistung der Projekte, an denen ich zur Zeit (mit-)arbeite:

PS.

Ein paar Daten zur Heimreise:

  • Dauer: 95 Stunden (ca. 4 Tage)
  • Distanz: ca. 7326 Kilometer
  • 3 Übernachtungen (davon eine im Flugzeug)
  • 16 Verkehrsvebindungen (Bus, Taxi, Flüge, Bahn, Auto)
  • Durchquerte Länder (mit Bodenkontakt): 5

4 thoughts on “Eine aufregende Heimreise”

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *